Aufgewachsen in Baar lernte ich die Stiftung Albisbrunn schon früh kennen. In der Schulzeit vom Hörensagen, dann durch Mannschaftskollegen im Fussballclub, später vom Vorbeifahren mit dem Auto oder dem Bike und schliesslich etwas genauer durch eine Betriebsbesichtigung. Über die Jahre veränderte sich meine Sicht auf das Schul- und Berufsbildungsheim Albisbrunn mit seinen Jugendlichen und jungen Erwachsenen stetig.

Anfang Mai dieses Jahres durfte ich als Wohngruppenleiter Teil dieses grossen Betriebs werden.

Schon beim Bewerbungsverfahren merkte ich, durch wie viele Brillen ich während meinem Entscheidungsprozess blickte. Mal schaute ich durch die kritische Brille, dann durch die erwartungsvolle, danach durch die unsichere, um kurz darauf die freudige oder gar euphorische Brille aufzusetzen.

Durch die eine Brille schaute ich auf die jungen Bewohner von Albisbrunn. Die verschiedenen Alter, die vielen Kulturen, die unterschiedlichen Geschichten, die sie mitbringen und die individuellen Punkte, an denen sie in ihren Leben gerade stehen, bergen grosse Individualität und viele spannende Herausforderungen.

Eine zweite Brille zeigte mir die Sicht auf die ganze Institution, eingebettet in diesen wunderschönen grossen Park. Diese Institution, welche dauernd in Bewegung scheint und durch Anpassungen von Konzepten, trotz ihres stolzen Alters von 92 Jahren, modern bleibt. Spätestens mit dem Umbau der Gruppenhäuser zeigt es sich auch äusserlich, dass das Albisbrunn definitiv mit der Zeit Schritt hält.

Eine dritte Brille richtet den Blick auf das Team. Mein Team in der Wohngruppe, das interdisziplinäre Team zusammen mit den Lehrern, Betriebsleitern und Psychotherapeuten, aber auch das ganze Team der rund hundert Mitarbeitenden in Albisbrunn. Dazu gehören die Geschäftsleitung, all die Angestellten in den Betrieben bis hin zu den Praktikanten/Praktikantinnen und Zivildienstleistenden, welche ihre Unterstützung an verschiedenen Orten anbieten.

Das Aufsetzen verschiedener Brillen gehört zum Alltag von uns Sozialpädagogen/-innen dazu. Das Ändern der eigenen Sichtweise, die Welt durch die Brille des jugendlichen Klienten zu betrachten, die Brille mit der Sicht aus der Distanz aufzusetzen oder für einmal die Augen zu schliessen und sich auf die Sicht eines anderen zu verlassen, bringt uns oft einen Schritt weiter. Das Verständnis für unser Gegenüber wächst und neue Lösungswege werden sichtbar.

Mit meiner Rolle als Teamleiter musste ich mein Sortiment von verschiedenen Brillen noch erweitern. In meinem Arbeitsalltag habe ich mich daran gewöhnt, meinen Blick auf diverse Themen auch mal durch die Brille der gesamten Institution, durch die der einweisenden Behörden, durch die der Geschäftsleitung oder meines Teams zu werfen. Es ist eine grosse Herausforderung, jeweils zu entscheiden, welche dieser Brillen im betreffenden Moment die richtige ist und dabei diejenige der Jugendlichen und die eigene nie zu vergessen.

Diese verschiedenen Blicke sind spannend und jederzeit hilfreich. Ich bin der Meinung, dass mir die Wahl meiner Brille bisher ganz gut gelingt.

Oft ertappe ich mich beim Wunsch, dass dieser Sichtwechsel unseren Jugendlichen im Alltag auch besser gelingen könnte. Das Erkennen der sich ihnen bietenden Chance in Albisbrunn, das Verständnis für gewisse Regeln oder Interventionen von den Sozialpädagogen/-innen und Lehrpersonen oder das Akzeptieren der Sichtweise von anderen Jugendlichen, könnte mit dem Blick durch eine andere Brille vielleicht etwas leichter fallen.

Doch wie das Leben so spielt, tragen viele Menschen erst mit zunehmendem Alter eine Brille. Geben wir uns und ihnen also noch etwas Zeit…

Markus Gubser, Leiter Wohngruppe am Rebberg

 

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